Prozessüberwachung: Schlüssel zu Produktivität und Kontrolle

Prozessüberwachung in der Industrie: Anforderungen & Lösungen

Eine Produktionslinie steht still. Ursache: Ein Druckabfall wurde zu spät erkannt, eine Pumpe ist ausgefallen. Der Schaden – Ausschuss, Reinigung, Neustart – hätte sich durch frühzeitige Überwachung des Prozessparameters vermeiden lassen. Genau hier liegt die Kernaufgabe der Prozessüberwachung: nicht reagieren, wenn etwas bereits schiefgelaufen ist, sondern erkennen, bevor ein Fehler zum Ausfall wird.

Für Produktionsleiter, Instandhalter und Anlagenbauer stellt sich dabei weniger die Frage, ob Prozessüberwachung sinnvoll ist, sondern wie sie technisch umgesetzt wird, welche Daten tatsächlich entscheidungsrelevant sind und welche Visualisierungslösung zur jeweiligen Maschinenumgebung passt.

Was Prozessüberwachung in der Fertigung bedeutet

Prozessüberwachung bezeichnet die kontinuierliche oder zyklische Erfassung, Auswertung und Darstellung von Betriebsparametern einer Maschine, Anlage oder Produktionslinie. Typische Parameter sind Temperatur, Druck, Durchfluss, Drehzahl, Füllstand, Strom, Spannung oder Positionswerte.

Der Unterschied zur reinen Datenerfassung liegt in der Auswertungslogik: Prozessüberwachung definiert Grenzwerte, erkennt Abweichungen und löst gegebenenfalls Meldungen, Warnstufen oder automatische Eingriffe aus. Erst diese Rückkopplung macht aus einer Messung eine überwachende Funktion.

Wie eng Erfassung, Auswertung und Eingriff miteinander verknüpft sind, hängt vom Anlagentyp und der gewählten Systemarchitektur ab. In einfachen Fällen reicht eine SPS-gestützte Grenzwertüberwachung mit Meldungsanzeige. In komplexeren Umgebungen sind historische Trendanalysen, Multiparameter-Korrelationen und vorausschauende Auswertungen erforderlich.

Welche Systemarchitektur für welchen Anwendungsfall

Prozessüberwachung lässt sich auf verschiedenen Ebenen realisieren. Die häufigste Fehlentscheidung in der Praxis: zu früh auf eine übergeordnete Lösung zu setzen, obwohl die Grundstruktur noch nicht ausreichend definiert ist.

Steuerungsnahe Überwachung

Auf SPS-Ebene werden Grenzwerte direkt im Steuerungsprogramm hinterlegt. Reaktionszeiten liegen typischerweise im Bereich von Millisekunden bis wenigen Sekunden – exakte Werte hängen von Zykluszeit der SPS, Sensortyp und Kommunikationsbus ab. Diese Ebene eignet sich für zeitkritische Eingriffe wie Not-Aus-Auslösung, Schnellabschaltungen oder maschinennahe Regelkreise.

Visualisierung und HMI-Ebene

Auf der HMI-Ebene (Human Machine Interface) werden Prozessdaten für den Bediener aufbereitet: Messwerte, Trendkurven, Alarmlisten und Statusanzeigen. Hier entscheidet die Qualität der Bedienoberfläche darüber, wie schnell ein Bediener eine Situation einordnen und reagieren kann. Ein unübersichtliches HMI mit zu vielen gleichzeitigen Meldungen verzögert Entscheidungen – unabhängig davon, wie gut die Sensorik darunter arbeitet.

SCADA und übergeordnete Leitsysteme

SCADA-Systeme (Supervisory Control and Data Acquisition) überwachen mehrere Maschinen oder Anlagenabschnitte gleichzeitig, speichern Langzeitdaten und ermöglichen standortübergreifende Auswertungen. Sie sind sinnvoll, wenn mehr als eine Maschineneinheit überwacht werden soll, Schichtberichte automatisiert erstellt werden müssen oder historische Daten für Qualitätssicherung und Rückverfolgung erforderlich sind.

Ab wann lohnt sich ein SCADA-System gegenüber einer reinen HMI-Lösung?

Kernaussage: Ein SCADA-System lohnt sich, wenn mehrere Maschinen oder Prozessabschnitte zentral überwacht werden sollen oder wenn Langzeitdaten für Qualitätssicherung, Wartungsplanung oder Rückverfolgung notwendig sind.

Für eine einzelne Maschine mit begrenzter Parameteranzahl ist ein lokales HMI in der Regel ausreichend und wirtschaftlicher. SCADA-Systeme bringen Mehrwert, sobald Daten aus mehreren Quellen zusammengeführt, verglichen oder über Standorte hinweg ausgewertet werden müssen.

Visualisierung: Das schwächste Glied bei vielen Installationen

Prozessüberwachung ist nur so gut wie die Schnittstelle zum Bediener. Selbst eine technisch ausgereifte Messkette verliert ihren Nutzen, wenn die Anzeige schlecht lesbar, zu langsam oder unergonomisch angeordnet ist.

In der Praxis entstehen dabei typischerweise folgende Probleme:

  • Display zu klein für die Anzahl der angezeigten Parameter
  • Blickwinkelabhängige Displays in Anlagen mit ungünstiger Montagehöhe
  • Touchscreens, die bei Feuchtigkeit, Handschuhen oder Verschmutzung nicht zuverlässig reagieren
  • Bildschirme mit zu geringer Helligkeit in hell beleuchteten Produktionshallen
  • Keine ausreichende Schutzart gegen Staub, Spritzwasser oder Reinigungsmittel

Ein Industriemonitor für Prozessüberwachung muss daher nicht nur die richtige Bildschirmdiagonale haben – typischerweise zwischen 15 und 24 Zoll je nach Informationsdichte und Betrachtungsabstand –, sondern auch zur Umgebung passen: Schutzart, Helligkeit, Touch-Technologie und Montageart müssen gemeinsam betrachtet werden.

Touch-Technologie und Umgebungsbedingungen

Nicht jede Touch-Technologie eignet sich gleich gut für Prozessüberwachung in der Fertigung. Resistiver Touch reagiert auf Druck und funktioniert grundsätzlich mit Handschuhen, ist aber weniger robust gegen Kratzer und für Mehrfingergesten kaum geeignet. PCAP-Touch bietet höhere Auflösung und bessere Gestensteuerung, hat jedoch ohne spezielle Konfiguration Probleme bei Betrieb mit Handschuhen oder bei Wasserfilm auf der Oberfläche.

Für Umgebungen mit regelmäßiger Reinigung, Feuchtigkeit oder Handschuhbetrieb – wie in der Lebensmittelproduktion, Chemie oder Pharmazie – eignen sich speziell angepasste PCAP-Varianten oder GFG-Touchscreens (Glove-Friendly Glass), die auf diese Anforderungen ausgelegt sind.

Schutzart und Gehäuse: Abhängig von der Prozessumgebung

Ein weit verbreitetes Missverständnis: IP65 am Gerät bedeutet nicht automatisch, dass das gesamte System rundum gegen Feuchtigkeit geschützt ist. IP65 beschreibt in der Regel den Frontschutz bei eingebautem Gerät. Rückseite, Anschlüsse und Kabeleinführungen müssen separat abgedichtet sein, wenn das Gerät in einem Nassbereich oder in einer Reinigungszone betrieben wird.

In der Praxis bedeutet das: Ein Industriemonitor mit IP65-Front, der in einem offenen Stahlgehäuse eingebaut ist, das nicht nach IP65 geschützt ist, bietet keinen vollständigen Spritzwasserschutz. Für hygienische Bereiche ist zudem das Gehäusematerial entscheidend: Edelstahlgehäuse nach V2A oder V4A lassen sich mit aggressiven Reinigungsmitteln abwischen, ohne dass Korrosion oder Oberflächenschäden entstehen.

Reicht IP65 für Bedienpulte und Monitore in der Lebensmittelproduktion?

Kernaussage: IP65 kann ausreichend sein, wenn die Front gegen Staub und Strahlwasser geschützt werden muss. Bei intensiver Nassreinigung oder Hochdruckreinigung kann IP67 oder eine vollständig geschützte Edelstahlausführung erforderlich sein.

Entscheidend ist, ob sich die Schutzart nur auf die Gerätefrontfläche bezieht oder auf das gesamte Gehäuse. Zusätzlich zählen Material, Dichtungen, Reinigungsmittelbeständigkeit und die Ausführung ohne Toträume oder Vertiefungen, in denen sich Keime oder Rückstände ansammeln können.

Bedienpulte als Schnittstelle zur Prozessüberwachung

In vielen Anlagen ist das Bedienpult die zentrale Interaktionsstelle für die Prozessüberwachung: Hier werden Sollwerte eingegeben, Alarme quittiert, Prozessbilder navigiert und manuelle Eingriffe ausgelöst. Die Auswahl des Bedienpults beeinflusst direkt, wie sicher, schnell und fehlerfrei ein Bediener auf Prozessinformationen reagieren kann.

Für Prozessüberwachungsaufgaben werden Bedienpulte häufig mit folgenden Elementen kombiniert:

  • Touchscreen für Prozessvisualisierung und Parametereingabe
  • Physische Tasten oder Wahlschalter für häufig genutzte Funktionen, die auch ohne Blick auf den Bildschirm bedient werden sollen
  • Not-Halt-Taster für sicherheitsrelevante Eingriffe
  • Signalleuchten oder LED-Statusanzeigen für übergeordnete Anlagenzustände
  • Schlüsselschalter für zugriffsgeschützte Funktionen

Ein Touchscreen allein ersetzt dabei nicht alle mechanischen Bedienelemente. Sicherheitsrelevante Funktionen wie Not-Halt müssen gemäß Maschinenrichtlinie und Risikobeurteilung als physische, normkonforme Elemente ausgeführt sein. Die konkrete sicherheitstechnische Bewertung muss im Rahmen der Risikobeurteilung der Maschine erfolgen.

Integrierter Industrie-PC vs. externe Steuereinheit

Bei der Hardwareauswahl für Prozessüberwachung stellt sich oft die Frage, ob ein Panel PC mit integriertem Rechner oder ein separates System aus Industriemonitor und externem Industrie-PC sinnvoller ist. Beide Varianten haben konkrete Stärken und Grenzen:

Kriterium Panel PC (integriert) Industriemonitor + externer PC
Platzbedarf Gering, kompakte Einheit Höher, zwei Geräte + Verkabelung
Wartung / Austausch Gesamtgerät muss getauscht werden Monitor und PC unabhängig austauschbar
Rechenleistung Abhängig von Modell; lüfterlose Varianten mit begrenzter Leistung Flexibler skalierbar
Wärmemanagement Kritisch bei hoher Last und lüfterlosem Design PC kann separat in temperiertem Schaltschrank untergebracht werden
Schutzart Front und Rückseite müssen gemeinsam bewertet werden Monitor-Front kann höhere Schutzart haben als der PC-Bereich
Langzeitverfügbarkeit Abhängig von Modellpflege des Herstellers Einzelkomponenten länger verfügbar
Typischer Einsatz Einzelmaschinen, Platzmangel, einfache Visualisierung Mehrparameter-Überwachung, rechenintensive Auswertung, Langzeitbetrieb

Langzeitverfügbarkeit und Ersatzteile: Ein unterschätztes Risiko

Prozessüberwachungssysteme werden in der Regel nicht jährlich ausgetauscht. Anlagen laufen typischerweise 10 bis 20 Jahre, in manchen Branchen länger. Die Frage nach der Langzeitverfügbarkeit von Komponenten ist daher kein Luxusproblem, sondern ein wirtschaftlich relevanter Faktor.

Consumer-Hardware – auch wenn sie kurzfristig kostengünstiger erscheint – wird häufig nach wenigen Jahren abgekündigt. Industrie-PC-Hersteller bieten dagegen oft Langzeitverfügbarkeit über definierte Zeiträume an, die je nach Anbieter und Produktlinie variiert. Wer ein HMI oder einen Industriemonitor für eine neue Anlage auswählt, sollte frühzeitig klären, ob Ersatzgeräte und Ersatzteile für die geplante Anlagenlebensdauer verfügbar sind oder ob eine Retrofit-Strategie eingeplant werden muss.

ADM electronic berücksichtigt bei der Auswahl industrieller Visualisierungs- und Bedienlösungen die Anforderungen an Langzeitverfügbarkeit, Kompatibilität und kundenspezifische Anpassungen – insbesondere für Anlagen mit langen Betriebszyklen oder OEM-Serienfertigung.

Typische Fehler bei der Auswahl von Überwachungshardware

  • Displaygröße nach Preis statt nach Informationsbedarf wählen: Wer 20 Parameter gleichzeitig überwachen muss, braucht nicht zwingend ein größeres Display, aber eine klarer strukturierte HMI-Software und ausreichend Auflösung.
  • Schutzart nur für die Front bewerten: Rückseite, Anschlüsse und Einbaurahmen müssen in die Schutzartbewertung einbezogen werden.
  • Touch-Technologie ohne Umgebungsanalyse auswählen: Feuchtigkeit, Handschuhe, Vibrationen und Reinigungsmittel schränken die Eignung bestimmter Touch-Technologien ein.
  • Wärmemanagement ignorieren: Lüfterlose Panel PCs eignen sich für moderate Lasten; bei kontinuierlichem 24/7-Betrieb mit hoher Rechenlast kann sich der thermische Spielraum reduzieren. Der genaue Temperaturbereich hängt von der gewählten Ausführung ab.
  • Standardlösung ohne Kompatibilitätsprüfung einsetzen: Schnittstellen, Betriebssystem, SPS-Anbindung und Softwarekonfiguration müssen zur bestehenden oder geplanten Anlage passen.

Was vor einer Anfrage geklärt sein sollte

Wer eine Lösung für Prozessüberwachung plant oder bestehende Hardware ersetzen möchte, sollte folgende Punkte vorab definieren:

  1. Welche Parameter werden überwacht, wie viele gleichzeitig angezeigt?
  2. Welche Umgebungsbedingungen herrschen: Temperatur, Feuchtigkeit, Staub, Chemikalien, Vibrationen?
  3. Welche Schutzart ist für Front und Gesamtgehäuse erforderlich?
  4. Wird mit Handschuhen bedient, unter Feuchtigkeit oder in hygienischen Bereichen?
  5. Welche Schnittstellen zur SPS oder zum Leitsystem sind notwendig?
  6. Welches Betriebssystem und welche HMI-Software sind vorgesehen oder vorhanden?
  7. Panel PC oder Monitor mit externem Rechner – welche Infrastruktur ist sinnvoller?
  8. Wie lang ist die geplante Betriebsdauer der Anlage, und wie wichtig ist Ersatzteilversorgung?
  9. Gibt es Serienbedarf oder handelt es sich um eine Einzellösung?

Je präziser diese Angaben bei einer technischen Anfrage vorliegen, desto gezielter kann eine Hardware-Empfehlung erfolgen. ADM electronic unterstützt bei der Auswahl passender Industrie-Hardware für Prozessüberwachungsanwendungen – von der Einzelkomponente bis zur kundenspezifischen Bedienpultlösung.

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner